01.01.2022

Was die Sehnsucht uns über den Glauben erzählt

Da ist zum einen die Sehnsucht nach einem Mann oder einer Frau. Als Gott nach dem Sündenfall zu den Menschen spricht, sagt er zur Frau: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein“ (1. Mose 3,16). Hier geht es um das sexuelle und emotionale Verlangen, das Gott in uns Menschen hineingelegt hat und das bis heute in uns wirksam ist. Es ist diese Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht.

Es gibt aber noch viele andere Formen der Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Überwindung und Freiwerden von Leid. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ rief Jesus Christus am Kreuz und zitierte dabei einen Text aus dem 22. Psalm. Diesen Schrei nach Befreiung von Schmerzen und Leid finden wir oft in den Psalmen. Das Volk Israel war viele Male in seiner Geschichte in einer wirklich schlimmen Situation. Wenn es von Feinden bedrängt wurde, schrie es zu Gott, und Gott half. Immer wieder kam es vor, dass dieses Volk von der Sehnsucht gepackt wurde und zu Gott schrie. Das sehen wir in den Psalmen und an vielen anderen Stellen der Bibel. In Zeiten ihres Exils, wo sie darauf warteten, dass die Schmach ihrer Verbannung zu Ende ging, erinnerten sie sich an die Verheißungen Gottes und wandten sich in ihrer Sehnsucht zu ihm. Wie unerträglich diese Leiden oft waren, kommt in den Psalmen 137 und 80 zum Ausdruck. Dieses Leid bewirkte bei den Juden regelmäßig eine übergroße Sehnsucht und ein Verlangen nach Gott und seinem Eingreifen. In dieser Sehnsucht wandten sie sich zu ihm und baten ihn um Veränderung.

Sehnsucht nach Gott

Wie erschütternd ist der Ruf des gepeinigten Hiob, wenn er in seiner Sehnsucht nach Gottes Hilfe schreit:

„Jetzt, wo die Haut in Fetzen an mir hängt und ich kein Fleisch mehr auf den Knochen habe, jetzt möchte ich ihn sehen mit meinen Augen, ihn selber will ich sehen, keinen Fremden! Mein Herz vergeht in mir vor lauter Sehnsucht“ (Hiob 19,26-27).

Im Paradies, wo all das nicht war, gab es auch keinen Anlass für ein solches Schreien und eine solche Sehnsucht nach Gott. Da war Gott mit den Menschen und keiner vermisste etwas. Die Bedürfnisse des Menschen waren gestillt, weil Gott uns und diese Welt so wundervoll und vollkommen geschaffen hatte. So lesen wir es auf den ersten Seiten der Bibel, wo es heißt: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mose 1,27). Im Paradies war all das noch spürbare Realität. Gott und Mensch hatten Gemeinschaft miteinander und zwischen Mann und Frau gab es keine Probleme. Sie lebten im Paradies und freuten sich aneinander. In ihrem Leben gab es weder Schmerzen noch kannten sie die bitteren Erfahrungen von  Jammer und Leid, denn Gott war mit ihnen.

Der Sündenfall

Doch nach dem Sündenfall wurde es anders. An die Stelle ausgelebter Freude und Liebe traten Kummer, Streit und Neid und wenig später auch noch der erste Mord. Was jedoch blieb, war die Erinnerung an die Zeit im Paradies – und die begleitet uns bis heute. Das erkennen wir am einfachsten daran, dass wir uns an all das Schöne und Angenehme so schnell gewöhnen. Das ist, weil wir es als das empfinden, was unserem Wesen entspricht, als das Natürlichste. Schmerzen und Leid hingegen sind für uns unnatürlich, daran werden wir uns nie gewöhnen. Ist das nicht ein Zeichen, dass wir noch immer die Ahnung vom Paradies in uns tragen?

Das betrifft auch nicht nur unseren Leib, den wir ohnehin gern verwöhnt und gut genährt sehen, auch unsere Seele hat ihre Bedürfnisse, nur liegen die zumeist etwas verborgen. In unserer Sehnsucht allerdings treten sie ins Licht. Das ist so, weil wir noch immer das sind, als was wir vom Schöpfer geschaffen wurden: Kinder des Lichts. Menschen zwar, aber nicht geschaffen, um verloren zu gehen, sondern geschaffen für das Paradies und ein Leben mit Gott, unserem Schöpfer.

Geschaffen für die Liebe

Wenn Freunde sich umarmen wird klar, was wir eigentlich sind. Selbst in der Verbundenheit von Menschen im Leid ist dieses Gefühl der Liebe vorhanden. Es ist das, was in uns ist, wonach wir uns sehnen. Ob wir lieben oder trösten, sind wir wie Gott uns erdacht hat. Selbst in der Kreativität und Phantasie wie auch im Spieltrieb kommt es zum Ausdruck. Es ist das, was wir sind. Am direktesten und unmittelbarsten finden wir diese Vorgabe Gottes in der Vereinigung von Mann und Frau in der Ehe.

Wenn Menschen Liebe und innige Verbundenheit leben, wird ihre Sehnsucht gestillt. Deshalb empfinden wir diese Gefühle als das große Glück. Die Sehnsucht nach Gott hingegen wird da gestillt, wo wir im Gebet zu Gott kommen und uns in der Anbetung Gottes versenken. In dieser Haltung der Anbetung haben Menschen zu allen Zeiten, überall auf der Welt, auf allen Kontinenten, dieses Gefühl der Ruhe und eines tiefen Friedens erfahren. So gesehen ist Anbetung der tiefste Ausdruck der Liebe des Menschen zu Gott. Das ist wie das vertraute Geflüster der Liebe eines Geschöpfes zu seinem Schöpfer. Darin liegt auch das tiefere Geheimnis der Anbetung. Dieses Bedürfnis nach Anbetung ist uns Menschen eingepflanzt wie das Bedürfnis nach Liebe. So sind wir von unserem Schöpfer geschaffen und können im Grunde gar nicht anders. Augustinus (354–430 n. Chr.), der große Philisoph des Altertums, hat es einmal so zum Ausdruck gebracht: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, oh Gott.“ In diesem einfachen Satz ist letztlich alles gesagt.

Von der fehlgeleiteten Sehnsucht

Jeder Mensch sucht etwas Höheres und Größeres, als er selbst ist. Doch was geschieht, wenn es das Paradies nicht mehr gibt? Wenn wir mit unserer Sehnsucht auf dieser Erde leben, wo Lug und Betrug, Verrat und Verführung uns auf Schritt und Tritt begegnen? Wir stürzen uns in unserer Sehnsucht auf Menschen, die im Grunde ihren Vorteil suchen und uns am Ende leer zurücklassen.

Idole, Stars und Helden, politische Führer, Künstler, Tänzer – überall gibt es Menschen, die sich uns wie eine Art von Gottesersatz anbieten, um unsere Sehnsucht zu stillen. Wie stark und mächtig dieses Spiel mit unseren Sehnsüchten ist, erkennen wir daran, dass ganze Industrien davon leben und riesige Hallen sich damit füllen lassen. Das Phänomen ist so gewaltig, dass es auf allen Kontinenten zu sehen ist. In unseren jungen Jahren noch mehr als bei den Älteren. Aber auch da gilt: Wo immer die Hingabe an Gott nicht ist, sucht man sich einen Ersatz, z. B. in der Esoterik, wo Menschen sogar bereit sind, ihren gesunden Menschenverstand aufzugeben und nur noch das tun, was der Guru oder das Idol verlangt.

Christen

Selbst Christen sind vor all diesen Versuchungen nicht gefeit. Das lehrt uns auch die Geschichte. Heißt es doch im zweiten der zehn Gebote: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (2. Mose 20,2). Warum? Weil niemand und nichts es auf dieser Welt verdient, angebetet zu weden – nur Gott.

Gott hat auch Sehnsucht nach uns. Deshalb beruht unsere Sehnsucht letztlich auf Gegenseitigkeit. Im Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ kommt das so eindrucksvoll zum Ausdruck. Wie Jesus uns hier den Vater im Himmel beschreibt, müsste eigentlich jeden von uns zutiefst berühren. Da heißt es: „Als er (der jüngere Sohn) aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lukas 15,20).

Daran erkennen wir, welch große Sehnsucht Gott nach uns Menschen hat. Wenn wir nur wie der „verlorene Sohn“, unsere Situation erkennen und unserer Sehnsucht folgen würden, wäre alles gut. Wir würden Gott finden. Und wann – wenn nicht jetzt – wäre die Zeit dafür?

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