01.11.2021

Warum, mein Gott, warum?

Ob Männer oder Frauen, Erwachsene oder Kinder, arm oder reich; alle sind wir in irgendeiner Weise mit dem Leid in dieser Welt konfrontiert. In jeder Nation, jeder sozialen Schicht leiden Menschen körperlich oder seelisch. Wenn jemand sein Kind verliert oder erkrankt, von seinem Arbeitgeber oder seinen Mitarbeitern ausgebeutet oder seelisch verletzt wird, oder was auch immer ist; immer empfinden wir es als Leid, das uns bedrückt und uns Mühe macht, weil wir uns nicht damit abfinden können.

Wir brauchen also gar nicht erst in Regionen dieser Welt zu blicken, wo Krieg, Terror oder Gewaltherrschaft regiert. Leid und Not ist auch bei uns allgegenwärtig. Wie viele fügen es sich sogar selbst zu, indem sie sich betrunken hinter das Steuer ihres Wagens setzen oder so lange nicht auf ihre Gesundheit achten, bis es zu spät dafür ist. Aber es kann uns auch ganz plötzlich treffen. Durch einen Unfall, eine Erkrankung oder den Verlust eines geliebten Menschen. Oft ist es auch ein Ehebruch, eine tiefe Kränkung oder ein Verrat, die einen Menschen in Leid und Not zu stürzen.

Gott verlangt von uns nicht, dass wir es akzeptieren. Im Gegenteil, er versteht, wenn wir dagegen aufbegehren. Die Bibel ist voll von Beispielen, in denen Menschen ihr Leid nicht akzeptiert darüber geklagt haben. Viele baten Gott um Heilung oder darum, dass er eingreifen und ihnen helfen möge und Gott half. Das kann auch durch ärztliche Hilfe geschehen, die wir in Anspruch nehmen. Menschen zur Zeit Jesu konnten ihn direkt um Heilung bitten, und er heilte sie. Wo das nicht geschieht, können wir Gott bitten, uns zu helfen, eine Krankheit zu tragen, ohne dass wir dadurch verbittert werden.

Selten verstehen wir auf Anhieb die tiefer liegenden Gründe für das Leid, aber sehr oft kommt es vor, dass wir eines Tages dann wissen, warum dieses oder jenes Leid gut für uns war. Wer sich die Biografien großer Persönlichkeit ansieht, wird feststellen, dass sehr viele von ihnen durch Zeiten des Leides gegegangen sind, ehe sie das wurden, was sie später waren.

Sehr viele von ihnen konnten später mit voller Überzeugung sagen, wie froh sie darüber waren, dass sie diese Erfahrungen machen durften. Sei es, dass sie dadurch gelernt haben, andere Menschen besser zu verstehen, oder dass sie selbst widerstandsfähiger geworden sind. Es gibt so viele Gründe, warum Leid in unserer charakterlichen Entwicklung Gutes zu bewirken vermag. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir einen Zugang dazu finden und nicht in der Rebellion gegen das Leid oder eine Krankheit verharren. Denn solange wir uns immer nur auf die eine Seite des Leids konzentrieren, gelingt es uns in der Regel nicht, auch die andere in den Blick zu bekommen. Doch das ist wichtig, wenn wir von schweren Zeiten und leidvollen Erfahrungen profitieren wollen.

Eines ist sicher: In keiner Religion ist Leiden so eng mit Gott verbunden, wie in der Botschaft von Jesus Christus. Nirgends hat sich der Schöpfer selbst so mit dem Leiden des Menschen identifiziert wie im Christentum. Leid und Schmerzen sind im christlichen Verständnis überhaupt keine Nebensache, sondern zentrales Geschehen dieser Welt. Das zeigt nicht zuletzt das Heilsgeschehen durch Jesus, der, wie es in der Bibel heißt, durch Leid, Tod und Trauer gehen musste, um uns von der Macht der Sünde und des Todes freizukaufen und zu erlösen.

Jesus war als Sohn Gottes bereit, seine Stellung aufzugeben, um auf diese Welt zu kommen, den Weg der Leiden auf sich zu nehmen und für uns zu sterben, damit wir leben. Wo immer ein Mensch sich Jesus Christus anvertraut und beginnt, mit ihm zu leben, wird dieses Geheimnis des Glaubens wahr und Jesus Christus schenkt ihm die Vergebung seiner Sünden und ewiges Leben. Wir wissen, was ihn das gekostet hat. Dafür musste er Verachtung, Verleumdung, eine Geißelung und am Ende den Tod am Kreuz erleiden.

Wenn Menschen leiden

Jesus Christus hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, zu leiden und zu sterben. Doch in all dem blieb Jesus ganz bei seinem Vater im Himmel. Damit zeigt er uns, wie auch wir die dunkle Zeit von Krankheit und Leiden am besten meistern können. Wir brauchen uns nicht irre machen lassen von der Welt, die sich nur am Gesunden, Starken und Erfolgreichen orientiert und nur das zu akzeptieren scheint.

Durch Jesus Christus und seine Nachfolger ist etwas ganz anderes in diese Welt gekommen. Plötzlich waren Menschen, die zu leiden hatten, die Not und Elend erlebten, nicht mehr die, die man vergessen konnte, die ausgegrenzt und übergangen werden konnten, sondern die, denen man sich zu widmen begann. Genau das geschah zur Zeit der ersten Christen, die dadurch ein enormes Aufsehen erregten und gleichzeitig verfolgt wurden.

Jesus forderte seine Nachfolger dazu auf, nach seinem Vorbild zu leben und zu handeln. Ehe er seinen Leidensweg antrat, sagte er ihnen: Wenn ihr mich liebt, werdet ihr so leben, wie ich es euch geboten habe. Dann werde ich den Vater bitten, dass er euch an meiner Stelle einen anderen Helfer gibt, der für immer bei euch bleibt. Dies ist der Geist der Wahrheit. Die Welt kann ihn nicht aufnehmen, denn sie ist blind für ihn und erkennt ihn nicht. Aber ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch leben (Johannes 14,15-17).

Wovon Jesus hier spricht, ist der Heilige Geist. Entschiedene Christen wissen, wie sehr dieser Heilige Geist uns hilft, uns bewahrt und wie ein Tröster und ein Helfer in unserem Herzen ist. In jedem Menschen, der Jesus glaubt und vertraut, lebt dieser Heilige Geist Gottes. Die Bibel spricht auch davon, dass er das Siegel ist, an dem wir erkennen, dass wir zu Jesus Christus gehören, in direkter Verbindung mit Gott, dem Vater, stehen und ewiges Leben in uns haben.

Die Welt erkennt diesen Geist der Wahrheit nicht, so heißt es in der oben erwähnten Bibelstelle. Wer aber zu Jesus Christus gehört, für den ist es das Natürlichste und Wichtigste im Leben. Was aber bedeutet dieser Geist Gottes in uns, wenn wir unter Leid und Krankheit, Verlust und Verrat erfahren? Gerade in diesen Zeiten ist der Geist Gottes in uns ein wirklicher Trost; indem er uns durch diese Zeit hindurchträgt, uns immer wieder aufrichtet und uns hilft, diese Zeit der Reife und der Bewährung gut zu überstehen. Wir wissen oft nicht, warum Leid und Krankheit uns im Leben widerfahren. Aber wir dürfen sicher sein, dass Gott durch seinen Heiligen Geist bei uns ist, gerade in Zeiten der Krankheit, des Leidens und der Schmerzen.

Wie viele Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland in den KZs waren oder die während ihrer Lagerhaft in den Gulags der ehemaligen Sowjetunion Schreckliches zu erleiden hatten, konnten nach dieser Zeit davon berichten, dass sie sich trotz allem nie alleine fühlten, weil Gottes Geist bei ihnen war?

Richard Wurmbrand wurde als vierter Sohn einer deutsch-jüdischen Familie geboren und wurde 1948 vom kommunistischen Regime, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Rumänien an die Macht gekommen war, verhaftet, verhört und gefoltert. Die Gefangenschaft im Gefängnis Sighet dauerte bis 1956. Drei Jahre verbrachte er in strenger Einzelhaft in unterirdischen Kerkern, ohne Sonnenlicht oder Geräusche der Außenwelt. Drei Jahre später wurde er erneut verhaftet und bis 1964 eingesperrt. 2006 wurde er an die fünfte Stelle einer Liste der 100 berühmtesten Rumänen gewählt. In seinen Büchern wie Leid und Sieg, Sieben Worte am Kreuz, Gefoltert für Christus u. v. m. beschreibt er immer wieder, wie Gottes Heiliger Geist ihn tröstete und ihm so in den Zeiten der Trauer und tiefsten Verlassenheit half.

Genauso darf jeder, der zu Jesus Christus gehört, wissen, dass Gott ihn nicht vergessen wird. Denn jeder von uns ist ein von Gott geliebtes Kind, gerade in den Zeiten des Leids. Das klingt paradox, ist aber wahr. Das Leid gehört zu diesem Leben, so wie die Liebe und Nähe Gottes denen gehört, die im Leid beginnen, auf ihn zu hören, zu ihm zu beten und auf ihn zu vertrauen. Jesus selbst ist den Weg des Leids gegangen. Er hat selbst tiefstes Leid durchlebt und es schließlich überwunden. Damit hat er gleichzeitig über den grössten Feind des Menschen triumphiert und das ist der Tod. Denn wer zu Jesus Christus gehört, für den wird der Tod nur wie ein Übergang in ein neues Leben sein, das ewig währt.

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